Infotelefon der Anti-Nazi-Koordination : 069 - 24253123
Ermittlungsausschuss: 069 - 24253136
Der 7.7 in Frankfurt ist vorbei, die (angereisten) Nazis sind (erstmal) wieder weg. Nach der hitzigen Diskussion um dieses Datum herum, wollen wir nun mit einer ausführlichen Nachbereitung einen abschließenden Überblick geben, noch offene Fragen beantworten, und zu guter Letzt auch die Erklärungen liefern, die wir bisher schuldig geblieben sind.
Als wir als Antifa-Koordination Frankfurt in die Gegenmobilisierung zum Naziaufmarsch einstiegen, gab es bereits zahlreiche Plakate, Flyer und sogar Videos der unterschiedlichsten Gruppen – hauptsächlich der Anti-Nazi Koordination -, die erfreulicherweise dazu aufriefen, den Naziaufmarsch zu be- bzw. verhindern.
Um den Nazis in Frankfurt schon im Vorfeld des 7.7. die Laune zu verderben, fanden zwei Outing Aktionen statt, an denen jeweils knapp 50 Menschen teilnahmen.
Da als Teil der Mobilisierung ebenfalls eine inhaltliche No-Go-Area für Nazis geschaffen werden sollte, organisierten wir zwei inhaltliche Veranstaltungen in Frankfurt: Am 20.06. fand im Café KoZ, an der Uni, eine Veranstaltung mit Nadja Rakowitz statt, die sich inhaltlich mit rechtem „Antikapitalismus“ beschäftigte, am 27.06. gab es Informationen zu den Strukturen der Nazis im Rhein-Main Gebiet. Beide Veranstaltungen waren mit jeweils über 70 TeilnehmerInnen gut besucht.
Außerdem besuchten GenossInnen verschiedene Jugendzentren, um auch die Jugendlichen vor Ort auf den Aufmarsch aufmerksam zu machen.
Neben Vorfeldaktionen und Veranstaltungen gab es natürlich auch eine Mobilisierung mit den üblichen Medien.
Wir richteten eine Sonderinternetseite ein, die fast 10.000 Besucher alleine in den letzten drei Wochen vor dem Aufmarsch erreichte, leider fast immer – ebenfalls aus Zeitmangel - nur semi-aktuell war und verteilten in Frankfurt entlang der Route Informationen für die AnwohnerInnen.
Zwei Tage vor dem Aufmarsch wurde durch den HR dann bekannt, dass sich auch im Aufmarschgebiet aktive AntifaschistInnen nicht auf die faule Haut gelegt hatten. Diese verteilten fingierte Flugblätter, die einen „Sperrmüll-Tag“ für den 7.7. in den von dem Aufmarsch betroffenen Stadtvierteln ankündigten. Die Frankfurter Polizei folgerte messerschaf, dass die „täuschend echte Fälschung“ Material für Wurfgeschoße und Barrikaden zum Ziel hatte. Den Anwohnern war's wurscht, die Straßen waren erstmal voll mit Sperrmüll und die FES war damit beschäftigt in Sonderschichten den Müll „noch rechtzeitig“ abzuholen. So einfach geht Sperrmüll für alle...
Die Pressearbeit im Vorfeld des Aufmarsches tat ihr Übriges zur Mobilisierung. In zahlreichen Artikeln in FR, FAZ und FNP wurden große Teile der Pressemitteilungen zitiert, außerdem führte unser Pressesprecher, Lars Mertens, mehrere Pressegespräche in denen er das Antifa-Konzept für den Tag selbst erklärte. Konsequenz war ein verhältnismäßig sehr intensiv geführter Diskussion über militante Aktionen der Antifa, der in Teilen ebenfalls für Verständnis auch zu körperlichen Angriffen auf Nazis warb.
Negativ stach in der Presselandschaft überraschenderweise gerade das linke Medium Indymedia hervor. Auch wenn sich im Vorfeld eines derartigen Events immer sehr viele Menschen dazu berufen fühlen auch weniger gut geschriebene Artikel zu posten, irritiert es uns doch zunehmend, dass gerade Artikel aus Frankfurt des Öfteren den Löschorgien der Moderatoren zum Opfer fallen und solche Großereignisse damit im Vorfeld fast totgeschwiegen werden. Ein grundsätzliches Gespräch mit der Moderatorengruppe wird hier für die Zukunft hoffentlich Missverständnisse vorbeugen.
Wie viele Menschen letztendlich durch die Mobilisierung erreicht werden konnten, lässt sich schwer sagen, auch weil am Tag selbst immer viele Gruppen unterwegs waren und die Einschätzung über das Spektrum dem diese zuzuordnen sind ebenfalls nicht einfach ist.
In Antifakreisen, bzw. in linksradikalen Spektren wussten sehr viele von dem Termin und über das Konzept Bescheid, in Frankfurt selbst, bzw. in eher bürgerlichen Kreisen, wurde der Naziaufmarsch jedoch erst sehr spät zum Thema.
Interessiert hat sich für die Plakate allerdings auch vornehmlich die Polizei, die sich durch einen richterlichen Beschluss dazu berufen fühlte diese im Café Exzess, in Aschaffenburg und in Nürnberg einfach wieder einzusammeln.
Ein Grund für den immensen Zeitmangel im Vorhinein waren vor allem die G8-Proteste, die ca. einen Monat vor dem Aufmarsch stattfanden und viele der Beteiligten auf unserer Seite zeitlich gebunden haben.
Das Konzept belief sich im Allgemeinen auf wenige Punkte und sollte zum einen bisherige Erfahrungen mit Nazisaufmärschen reflektieren, zum anderen der Übermacht der Staatsgewalt, die sich mit 8.000 Polizisten angekündigt hatte, gerecht werden. Klar kommuniziert hatten wir bereits im Vorhinein, dass wir den Aufmarsch unter keinen Umständen kritisch begleiten wollten. Für unsere Mobilisierung wichtig waren hierbei im Wesentlichen 4 Punkte:
Schon im Vorfeld hatten wir für dieses Konzept sehr öffentlich geworben und publik gemacht, dass eigenverantwortliche Selbstbeteiligung der TeilnehmerInnen, mit einem funktionierenden Kommunikationskonzept die Basis für dieses Konzept bietet.
Hier kam es zu sehr erfolgreichsten Aktionen. Wie die Medien bereits tagsüber berichteten gingen zahlreiche Signalkästen der Deutschen Bahn in Flammen auf, was dazu führte, dass die Anreise nach Frankfurt mit der Bahnen aus Norden, bzw. Nordwesten sehr lange überhaupt nicht möglich war und ein Sachschaden von ca. 300.000 Euro entstand. Die Nazis konnten vorher festgelegte Treffpunkte nicht nutzen und waren zum Teil gezwungen vereinzelt mit PKWs in die Stadt zu kommen. Wohl als Fanal brannten auch schon am frühen Morgen in Rödelheim mehrere kleinere Barrikaden aus Müllcontainern und ähnlichem.
Mit Hilfe zweier flexibler Blockadepunkte sollte, zusätzlich zu den von der ANK angekündigten Blockaden, der Transfer der Nazis zu ihrem Auftaktkundgebungsplatz verhindert werden.
Der erste Teil des Blockadekonzeptes funktionierte prächtig. Der Rödelheimer Bahnhof wurde besetzt, die Galluswarte trotz Bullenketten „gestürmt“ und auch die Schienen auf der Emser Brücke wurden zeitweilig unpassierbar gemacht. Im Ergebnis bedeutet dies: mit Hilfe dieser Punkte, wurde die Anreise der Nazis denn auch um ca. 2 ½ Stunden verzögert. Die Blockade am Rödelheimer Bahnhof sorgte sogar dafür, dass der vorher lange angekündigt Treffpunkt in Bad Soden von den Nazis nicht genutzt werden konnte und sie auch aus dieser Richtung teilweise völlig unkoordiniert mit den privaten PKWs in die Stadt kommen mussten.
Leider zu wenige Gedanken hatten wir uns im Vorfeld dann aber doch über eine Strategie gemacht, die klärte was passieren sollte, wenn die Blockadepunkte von den Gruppen erreicht werden.
Ein sehr großes Dankeschön müssen wir an dieser Stelle aber noch mal den Blockadegruppen aussprechen, sie haben einen sehr großen Teil zur Verzögerung der Anfahrt beigetragen und durch ihre Flexibilität auch so manchen Fehler in der Kommunikationsstruktur ausgeglichen.
Für den Fall, dass die vorherigen Punkte nicht ausreichen sollten, war hier angedacht einen Punkt auf der Route, relativ nah am Auftaktkundgebungsplatz der Nazis zu erreichen und durch eine Blockade den Aufmarsch aufzuhalten. Da ca. 16 Bullen pro Nazi mit Wasserwerfern, Hunden Hubschraubern, Räumpanzern, Natostacheldraht und kilometerweise Absperrgitter, usw. das Aufmarschgebiet jedoch weiträumig abgesperrt hatten und es für größere Gruppen kaum Möglichkeiten gab unbeobachtet in dessen Nähe zu gelangen, mußte dieser Teil konzeptionell einfach ausfallen. Trotzdem gelang es einigen Antifaschisten an die Route zu kommen und sogar die Nazidemo kurz anzugehen. Allerdings kam es auch hier schnell zum Einsatz von BFE-Einheiten und einem Wasserwerfer, so dass die Leute abgedrängt wurden.
Den Protest in die Innenstadt zu tragen hatte vor allen Dingen ein Ziel: Der politische Preis für die Durchsetzung des Naziaufmarsches sollten in die Höhe getrieben werden, Frankfurt sollte klar gemacht werden, dass Naziaufmärsche hier nur im Ausnahmezustand möglich sind.
Geklappt hat das alles nur sehr mäßig. Dass es trotz des Aufgebotes von 8.000 Polizisten militanten Widerstand gab, sollte man nicht klein reden, trotzdem wäre noch einiges mehr möglich gewesen. Worin lagen die Fehler?
Zum einen im Fehlen eines zentralen Treffpunktes. Wir hatten uns während der Mobilisierungsphase gesträubt einen zentralen Treffpunkt zu benennen, eben weil die gerichtlichen Entscheidungen über die endgültigen Bedingungen noch aus standen. Trotzdem wäre es möglich gewesen am Abend vorher einen solchen Treffpunkt bekannt zu machen, evtl. hätte dies zum Gelingen beigetragen. Hinzukommt, dass wohl der Zeitpunkt, an dem diese Protestform beginnen sollte für viele unklar war. Ein zentraler Treffpunkt, verbunden mit einer festen Uhrzeit hätte also vermutlich Abhilfe schaffen können.
Etwas versöhnlicher lässt sich jedoch feststellen, dass im Gesamtbild doch einiges ging: Im Bereich des Bahnhofsviertels und anderen Orten konnten AntifaschistInnen viele kleinere Schnäppchen machen, es ist also doch gelungen, außerhalb der polizeilich kontrollierten Zone, eine No Go Area für Nazis an diesem Tag in Frankfurt zu schaffen. Etwa 80 abreisende Nazis wurden im Hauptbahnhof mit Steinen und Flaschen verabschiedet und in den Abendstunden bzw. am nächsten Tag trieben noch mehrere Kleingruppen die Kosten nachträglich in die Höhe. So wurde auf Indymedia zum Beispiel von einer militanten Aktion in Bornheim berichtet, bei der zahlreiche Scheiben von Ketten dran glauben mussten, im Bereich des Westbahnhofes kam es noch zu kleineren Schäden an größeren Läden (wie Aldi) und letztendlich wurden in Hausen und in Rödelheim als kleines Dankeschön an die VGF für die Nazi-Sonderzüge noch mehrere Fahrkartenautomaten abgefackelt.
Die Infra- und Kommunikationsstruktur am Tag selbst war vor allem eines: fehlerhaft. Hierfür wollen wir uns an dieser Stelle bei allen Anwesenden entschuldigen. Wir haben versucht die Lücken zu finden und werden beim nächsten Mal eine solche Situation hoffentlich zu vermeiden wissen.
Trotzdem noch einiges grundsätzliches: Aufgrund gebrochener Absprachen von Seiten der ANK wurden wir zwei Tage vor dem 7.7., vom Infotelefon der ANK ausgeschlossen. Man wollte sich dort von Seiten einiger Gewerkschaftsfunktionäre dann doch nicht zu sehr mit aktivem und militantem Antifaschismus gemein machen und bekam „plötzlich“ kalte Füße. Schade, dass die Zusammenarbeit doch mal wieder nicht geklappt hat.
Das Nicht-Funktionieren des WAPs und die Verspätung, mit der einige SMS verschickt wurden, lag zum einen an technischen Problemen, zum anderen haben wir bereits in der Vorbereitung, auch aufgrund des neuen Zusammenhangs, technische Tücken übersehen. Dieser vermeidbare Fehler liegt also bei uns und auch das werden wir beim nächsten Mal besser machen. Da sich die meisten Schwierigkeiten mit diesen Medien einfach vermeiden lassen, finden wir, dass wir trotzdem ganz positive Erfahrungen damit gemacht haben und können diese auch sehr dringend weiterempfehlen.
Wie bereits im Vorfeld angekündigt sind wir mit dem Aufmarsch noch nicht am Ende angelangt, sondern wollen versuchen, das durch den Aufmarsch in Frankfurt und Umgebung entstandene Potential zu nutzen und in die Szene oder/und antifaschistische Strukturen zu integrieren. Deshalb wird es auch im Nachhinein noch verschiedene inhaltliche Veranstaltungen geben, vor allem im Bereich Jugendantifa, und wir werden die Nazis auch bestimmt nicht in Ruhe lassen. Look forward for further Information
Die Zusammenarbeit in der Antifa-Koordination Frankfurt war für alle beteiligten Gruppen neu.
Es war kein Erfolg, aber es war auch keine Katastrophe. Es wurden viele Fehler gemacht, aber es ist auch vieles Gutes gelaufen.
Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass die meisten Nazis wohl keinen Spaß hatten. Mit 600 angereisten Nazis blieben sie weit hinter den angekündigten 1.500 Teilnehmern zurück. Die verschobene Anreise hat so manchem schon auf der Hinfahrt die Lust genommen, wenn sie überhaupt in Frankfurt ankamen, waren die meisten unter ihnen schon ziemlich entnervt.
Marcel Wöll, der sich über diese Demo in der aktiven Nazisszene Profil verschaffen wollte und dementsprechend die Mobilisierung sehr martialisch betrieben hatte, hat sich selbst bisher noch nicht zu dem Tag geäußert, vermutlich wird es aber nicht der persönliche Erfolg für ihn geworden sein, den er sich erhofft hatte.
Und wir selbst? Naja, eines unserer Ziele war die Stärkung linker Strukturen und Inhalte in Frankfurt selbst. Es muß sich in Zukunft zeigen, inwiefern wir hier Erfolge erzielen konnten.
Das Stadtbild ist durch die vielen tausend Aufkleber und Plakate viel schöner geworden und unsere Inhalte so präsent wie lange nicht.
Schließlich kann die Verantwortung für den durchgeführten Aufmarsch nicht in irgendeiner, wie auch immer gearteten Stärke der Nazis gesucht werden. Es ist um einiges einfacher: der Aufmarsch war in Frankfurt an diesem Tag politisch gewollt. Die Stadt hatte im Vorfeld nicht einmal versucht den Aufmarsch zu verbieten und auch als die Nazis „BRD Judenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt“ skandierend durch Frankfurt liefen, sahen sie keine Veranlassung für einen Abbruch. Obwohl dies rechtlich jederzeit möglich gewesen wäre.
Trotzdem konnte, jenseits dieser wahrscheinlich größten polizeilichen Machtdemonstrationen nach dem G8-Gipfel, durch die Vermittlung militanterer Actions wieder einmal Marketing für autonome Aktionsformen gemacht werden, und: wir haben unseren Protest nicht vereinnahmen lassen. Eine Mobilisierung, die militante Aktionsformen von Anfang an einschloss und propagierte und ebenso das Einsetzen dieser Aktionsformen haben es dem rechtsbürgerlichen Römerbergbündnis und Co unmöglich gemacht, uns als die „besseren Deutschen“ vorzuführen. Ein Erfolg, wie wir finden, der sich so bei einigen der letzten Großaufmärsche nicht einstellen wollte.
Kurz und Knapp lässt sich als Fazit formulieren: Es ist vieles gut gelaufen, es hätte vieles besser laufen müssen, aber wir werden versuchen die Ereignisse so gut es geht zu reflektieren und vor allem sind wir ja eines: lernfähig.
Don’t let the system get you down – Denn DU bist Antifa!
Antifa Koordination Frankfurt im Juli 2007